Solingen. Wieder einmal hält Deutschland den Atem an. Plötzlich ist die Terrorgefahr wieder real. Plötzlich müssen wir wieder um unschuldige Menschen trauern, die einem islamistischen Extremisten zum Opfer gefallen sind. Plötzlich müssen wir uns wieder fragen, wie sicher wir noch sind. Am 23.08. tötete ein syrischer Flüchtling auf einem Stadtfest in Solingen 3 Menschen und verletzte mehrere weitere Personen. Dass noch deutlich mehr Personen durch dieses Erlebnis traumatisiert wurden, sollte ebenso klar sein. Was bislang folgte war ein weiteres Aufleben der Flüchtlingsdebatte, in dessen Zentrum die üblichen Diskussionspunkte stehen: Begrenzung der Zuwanderung durch Obergrenzen, Aufnahmestopp für Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan sowie Abschiebungen in diese Länder. Zudem erheben die etablierten Parteien wieder einmal den mahnenden Finger, wenn es jetzt jemand wagt, jede Person islamischen Glaubens unter Generalverdacht für einen Terroranschlag zu stellen.
Natürlich verfolgen nicht alle Personen islamischen Glaubens auch extremistische Ansichten. Natürlich sollte man nicht jeden Menschen mit Migrationshintergrund als potenziell gefährlich einstufen. Doch natürlich ist es auch, wenn Menschen auf den nächsten Volksfesten deutlich kritischer gegenüber Menschen mit einem arabischen Aussehen sind. Dies ist nur all zu natürlich und nicht eben rassistisch. Rassistisch wäre es, pauschal jeden Menschen islamischen Glaubens aus der Gemeinschaft auszuschließen. Dies kann nicht das Ziel sein. Es kann auch nicht das Ziel sein, Flüchtlingsaufnahmen zu stoppen oder so stark zu begrenzen, dass nahezu keine Aufnahme von Flüchtlingen mehr erfolgt. Denn Migration hat es immer schon gegeben. Auch unsere Vorfahren sind von irgendwoher gekommen. Migration ist nur all zu menschlich, egal aus welchen Motiven, ob aufgrund der Flucht vor einer Verfolgung im eigenen Land oder aufgrund der Hoffnung auf ein besseres Leben. Migration an sich ist nicht das Problem. Und genau an diesem Punkt offenbart sich wieder einmal die Unfähigkeit unserer politischen Führung, Verantwortung für die Gestaltung unseres Landes zu übernehmen. Zugegeben: Ja, Flüchtlingsobergrenzen machen Sinn, um die Betreuungskapazitäten der Kommunen nicht zu überlasten. Jedoch ist dies auch nur die halbe Wahrheit, denn zunächst muss überhaupt erst einmal ein Dialog über die Betreuungsmöglichkeiten zwischen Kommunen und Bund stattfinden, anstatt dass auf Bundesebene im Alleingang Entscheidungen getroffen werden, welche dann wiederum an die Kommunen als Verantwortungsträger abgegeben werden.
Migration ist nicht das Problem. Das Problem lautet Integration. Wie können wir dafür sorgen, dass Menschen aus anderen Kulturen mit anderen Moralvorstellungen und Gepflogenheiten die Werte unserer Kultur anerkennen und leben? Und damit ist nicht gemeint, dass jeder Einwanderer zum Christentum konvertiert. Theologischer Glaube ist eben das, was einen theologischen Glauben auszeichnet: Dieser ist individuell. Und dennoch leben wir in einer säkularisierten Gesellschaft, in welcher der Glaube an eine Religion hinter den Werten und Moralvorstellungen unserer Gesellschaft zu stehen hat. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Islam, sondern auch für alle anderen Glaubensrichtungen wie das Christentum, das Judentum oder den Buddhismus. Was nun sind die deutschen Werte, an denen man gelungene Integration messen kann? Zuverlässigkeit? Genauigkeit? Vielleicht sollten wir nicht zu weit gehen. Vielleicht reicht es, wenn wir uns an gewissen Grundwerten ausrichten wie Gleichberechtigung für alle Geschlechter oder Religionsfreiheit. Ganz sicher jedoch lohnt es sich diese Frage genauer zu betrachten und auch im politischen sowie medialen Diskurs zu beantworten. Doch das würde bedeuten, dass sich unser politisches Regime mit einer sehr unangenehmen Frage auseinandersetzen müsste.
Was darüber hinaus noch viel unangenehmer ist, das ist die Frage, wie genau wir für gelungene Integration sorgen können. Wo und mit welchen Maßnahmen sowie Mitteln ermöglicht unsere Politik einen Dialog zwischen Bürgern und Migranten? Denn ohne Dialog funktioniert keine Integration. Der menschliche Kontakt ist unvermeidbar. Auch hier bleibt die Frage von politischer Seite bislang unbeantwortet.
Doch nicht nur dieser Aspekt bleibt aktuell unberücksichtigt. Folgt man dem mahnenden Finger des Regiments, so dürfen auch Menschen islamischen Glaubens nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Allerdings ist es genau diese Denkrichtung, die eine Auseinandersetzung mit den Ängsten der Bevölkerung verhindert und somit nur zu einer Verschärfung von Konflikten führt. Verantwortung zu übernehmen, das würde bedeuten, die Ängste der eigenen Bevölkerung ernst zu nehmen. Verantwortung, das würde auch bedeuten, mittels des Weges der Aufklärung dafür zu sorgen, Vorurteile abzubauen. Was wird tatsächlich in den Moscheen unseres Landes gepredigt? An welchen Orten finden Radikalisierungen statt? Sollte die Ausbildung von Imamen staatlich kontrolliert werden? Wieso werden liberale Bewegungen des Islams wie die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin von der eigenen Community bedroht? Wenn wir eines nicht verleugnen können, dann dass es eben islamistisch motivierte Terroranschläge sind, die ausgeübt werden. Keine christlich oder buddhistisch motivierten Anschläge. Und hierfür muss sich die islamische Community nun einmal rechtfertigen. Dies auszuhalten liegt in der Verantwortung eines jeden Muslimen. Und natürlich hat jeder Muslime die Möglichkeit sich von extremistischen Ansichten zu distanzieren.
Allerdings reicht das nicht, um von einer gelungenen Integration zu sprechen. Bloß weil ich nicht Extremist bin, bin ich noch lange nicht integriert. Es müssen auch die Werte unserer Gesellschaft anerkannt und gelebt werden. Wie das gelingen mag, das liegt im Gestaltungs- und Verantwortungsbereich unserer Politik, die endlich über die wirklich wichtigen Themen debattieren muss, anstatt sich nur um oberflächliche Lösungen zu bemühen.