Heimat, das ist der Ort an dem wir uns geborgen fühlen. Heimat, das ist Ort der Begegnung mit Gleichgesinnten, mit Familie, mit Freunden. Heimat, das ist immer auch ein Ort der Gemeinschaft. Und so wie wir selbst am besten wissen, was unsere eigene Heimat ist, so wissen wir ebenso gut, was eben keine Heimat für uns ist. Denn das, was dort draußen sonst noch ist, das ist das Fremde. Und dieses Fremde, das ist nicht nur anders, das kann auch bedrohlich werden, wenn es in unseren geschützten Heimatraum eindringt. Denn Heimat, unsere Gemeinschaft, bietet ein Fundament für unsere Identität. Schließlich bewegen wir Menschen uns immer auch im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Rollen, die vor allem durch unser Umfeld geprägt werden. Erst in Wechselwirkung mit diesem Umfeld können wir uns selbst definieren und eine eigene Identität bilden. Insofern erscheint es nicht verwundernswert, dass jenes Umfeld, jene Gemeinschaft, die uns einen Identitätsanker gibt, als schützenswerter Körper gilt.
Zu schützen ist jener gemeinschaftliche Körper vor dem Fremden. Denn das Fremde wirkt auf unsere Gemeinschaft ein. Das, was unsere kollektive Identität auszeichet, die Werte und Überzeugungen, wird konfrontiert mit anderen Werten und Überzeugungen. Wenn nun diese neuen Werte und Überzeugungen in das Kollektiv vordringen, so muss sich das Altbewährte von neuem bewähren und womöglich werden alte Traditionen durch neue Traditionen ausgetauscht. Doch mit diesem Austausch verliert die Gemeinschaft gleichsam ihre einstigen Identitätsanker. So wird der beschützenswerte Gemeinschaftskörper immer weiter deformiert, bis dieser irgendwann nicht mehr wieder zu erkennen ist. Folgt man diesem Gedanken, so ist die sich hieraus ergebene Forderung klar: Die Gemeinschaft muss geschützt werden, muss sich von dem Fremden abgrenzen und die Kontaktflächen zum Fremden minimieren, um ebenjene Deformation so gering wie möglich zu halten. So ist es nicht überraschend, dass insbesondere diejenigen, die sich in ihrer kollektiven Identität bedroht fühlen, einen Weg der Abgrenzung verfolgen, bei dem das Fremde als Feindbild stilisiert wird. Und so entsteht der Mythos des deformierten Körpers, der als Sinnbild für eine gesamte Gemeinschaft dienen kann.
Wo klare Demarkationslinien zum Fremden gezogen werden, dort entstehen zugleich Randflächen für ein ideologisches Gebilde, das isoliert von äußeren Einflüsse für sich alleine bleibt. Das Fremde wird abgewertet als nicht erstrebenswerter Raum, wodurch die Chance genommen wird, dass liberale gesellschaftliche Bewegungen Raum für eine Entfaltung bekommen. Jeglicher Ausdehnungsversuch zur Andersartigkeit wird erstickt. So entsteht das, was sich nicht schwer erahnen lässt: Es entsteht ein Druck von innen aus der Gesellschaft heraus, der zunimmt, je länger die Demarkationslinien zum Fremden bestehen bleiben und je hartnäckiger diese verteidigt werden. Denn wir Menschen sind keine homogenen Wesen. Es wird innerhalb einer Gesellschaft immer unterschiedliche Strömungen geben, die auch den Kontakt zum Fremden suchen. Und je repressiver gegen die Gestaltungsmöglichkeiten des Menschen durch eine normative Zensur vorgegangen wird, desto stärker ist das gesellschaftliche Explosionspotenzial. Wie eine normative Zensur aussehen kann, das erleben wir gerade: Moralische Abwertungen von nicht wünschenswerten Positionen verbunden mit der Forderung sich der eigenen Position unterzuordnen, anstatt einen Dialog zu eröffnen.
Im Mythos des deformierten Körpers wird zudem ein wesentlicher Aspekt vernachlässigt: Die Deformation setzt voraus, dass der Kollektivkörper ein zeitloses Gebilde darstellt, etwas anhand dessen eine Deformation zu jeder Zeit nachweisbar ist. So wird davon ausgegangen, das die kollektive Identität unveränderbar ist. Erst wenn ein nach einer klaren Normvorstellung geformtes Kollektiv existiert, kann auch eine Deformation stattfinden. Allerdings stellen gesellschaftliche Normen kein zeitlos starres Gebilde dar. Normen verändern sich über die Zeit. Allein das kritische Hinterfragen der bestehenden Normen durch neue Generationen führt zu einer Entwicklung des Normengefüges innerhalb einer Gemeinschaft. Und mit dieser naturgegebenen Veränderung der Normen verschieben sich auch die Grenzen zu dem Fremden. Was vormals als fremd galt, kann durch den eigenen gesellschaftlichen Fortschritt in der nächsten Generation bereits als normal gelten.
Was oberflächlich als Deformation des Gesellschaftskörpers betrachtet wird, ist in Wirklichkeit ein natürliches Verschieben des Normengerüstes innerhalb einer Gesellschaft. Es existiert kein ursprünglicher gesellschaftlicher Körper als Träger der kollektiven Identität in Form von Rollenbildern, Normen, Glaubenssätzen, der nur durch äußere, fremde Einflüsse deformiert werden kann. Vielmehr deformiert sich der gesellschaftlich Körper von innen heraus im Rahmen einer natürlichen gesellschaftlichen Entwicklung von Normen selber, wodurch der Begriff der Deformation jedoch seine Bedeutung verliert. Vielmehr erscheint ein Verständnis sinnvoll, welches eine Gesellschaft als Fluid betrachtet, ein sich kontinuierlich wandelndes Gebilde. Und obwohl dieses sich wandelnde Gebilde natürlicherweise Grenzen aufweist, beraubt sich eine Gesellschaft jedoch durch eine Eingrenzung dieses Gebildes auf bestimmte zeitunabhängige Normen und eine klare Abgrenzung zu gesellschaftlichen Feindbildern der Veränderungsfähigkeit. Und mit der Veränderungsfähigkeit schwindet auch die Anpassungsfähigkeit einer Gesellschaft an neue Entwicklungen. Wir sollten als Gesellschaft aufpassen, dass wir uns in Zeiten der politischen Polarisierung durch Feindbilder wie „terrorverdächtige Flüchtlinge“ oder „rechtsradikale AfD-Wähler“ nicht der eigenen Veränderungsfähigkeit berauben. Wohin sich unsere Gesellschaft auch entwickeln mag, unser Normengerüst sollte auf Basis freier Entscheidungen und rational begründeter Positionen bestehen und nicht als Gegenposition zu Feindbildern.