Unsere Identität ist der Kern dessen, was uns auszeichnet. Identität, das ist die höchst subjektive Deutung von uns selbst. Und genau diese subjektive Erfahrung der Identität verleitet uns zu dem Glauben, Identität würden wir aus uns selbst heraus definieren. Dabei konstituiert sich unsere Identität in einem stetigen Wechselspiel zwischen der eigenen Veranlagung, dem eigenen Willen, der so zu bezeichnenden individuellen Identität und der Zuschreibung durch unser Umfeld, der gesellschaftlichen Rollenbilder, der so zu bezeichnenden kollektiven Identität. Das, was wir als Identität erleben, entsteht erst in Reflexion dessen, wie wir in den Augen anderer erscheinen. Somit wird deutlich, dass die von unserem Umfeld an uns herangetragenen Rollenbilder und Werte eine entscheidende Rolle bei der Identitätsbildung spielen.
Unsere Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Und damit auch die Rollenbilder und Werte, die für uns einen Identitätsanker darstellen. Traditionelle Vorstellungen wurden aufgebrochen und haben zu mehr Freiheiten geführt als jemals zuvor. Frauen können in freier Wahl einen eigenen Beruf nachgehen. Homosexuelle können heiraten. Wo die Religion zuvor halt geboten hat, gilt sie heute als Sinnbild veralteter Weltanschauungen. Wo einst die berufliche Perspektive durch die Familie bestimmt wurde, sind neue Ausbildungsmöglichkeiten entstanden. Wir sind freier als jemals zuvor. Doch Freiheit, das ist nicht nur die Möglichkeit etwas nach eigenem Willen zu gestalten. Freiheit ist zugleich ein Raum der ausgefüllt werden muss. Wir sind zwar befreit von den uns einst aufgezwungenen Rollenbildern, gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und Normen, jedoch müssen wir nun für uns eigene Handlungsgrundlagen, Werte und Normen finden, um ebenjenen Raum zu füllen. So kommt es, dass mit dem Wegfall traditioneller Rollenbilder ein Vakuum in unserer Gesellschaft entstanden ist, ein Ruf nach Identität, der nicht mehr von der Gesellschaft beantwortet wird, sondern von jedem selber beantwortet werden muss. Und diese Last wiegt, ohne entsprechende Orientierung, schwer. So schwer, dass wir es wagen können, von einer Krise zu sprechen, einer Identitätskrise.
Zur Beantwortung der Identitätskrise werden, wo vormals traditionelle Rollenbilder vorhanden waren, neue Identitätsanker gesucht. Und diese Identitätsanker findet man umso stärker je weiter man ins extreme Milieu vordringt. Dort wird Orientierung geboten. Dabei muss das Extreme noch nicht einmal politischer Natur sein. Neben bspw. rechtsextremer oder linksextremer politischer Orientierung bestehen auch andere Kollektive wie Fangruppierungen, NGOs oder andere Gemeinschaften, die extreme Ansichten vertreten. Ein Beispiel für eine solche Orientierung am Extremen findet man bei den Mitgliedern der Klimaschutzbewegung „Letzte Generation“, die dafür sorgen, dass mittels Straßensperren Krankenwagen und andere Rettungsfahrzeuge an der Weiterfahrt gehindert und damit Menschenleben bedroht werden.
Doch nicht nur extremistische Gruppierungen oder Bewegungen werden genutzt, um das entstandene Identitätsvakuum zu füllen. Gleichsam bilden sich auch neue Identitätskategorien heraus, um neue kollektive Identitätsanker zu bieten. Einstige Merkmale ohne besonderen Symbolcharakter werden zu Identitätssymbolen aufgewertet. Diese Aufwertungen sind jedoch lediglich verzweifelte Versuche, das Identitätsvakuum unserer liberalen Gesellschaft zu füllen. Es sind oberflächliche Scheinsymbole, die tatsächlich keinen tieferliegenden Identitätsanker in Form von Werten, Glaubenssätzen oder Rollenvorstellungen vermitteln. Stattdessen stellt die bloße Klassifizierung in neuen Identitätskategorien einen Ersatzversuch dar. So wie Identitätsträger wie Körpergröße, Gewicht oder Alter keinen tieferliegenden Identitätsanker darstellen, so sind auch diese neue Identitätskategorien lediglich oberflächliche Identitätsträger, die zwar kurzfristig den Ruf nach Identität befriedigen, langfristig das Vakuum in unserer Gesellschaft jedoch nicht ausfüllen können. Mehr als das sogar: Ähnlich wie bei einer Orientierung an extremistischen Positionen wird der Zugang zu tiefergreifenden Identitätsankern verschleiert. Man kann in diesem Sinne auch bei dem Phänomen der Bildung neuer Identitätskategorien von einer extremen Ausprägung sprechen. So lässt sich bspw. die LGBTQ-Bewegung aus einer neuen Perspektive betrachten. Es werden neue Identitätskategorien wie Geschlechtsidentitäten geschaffen, die eigentlich keine Symbolträger einer kollektiven Identität darstellen, durch diese neue Kategorisierung jedoch zu einem kollektiven Identitätssymbol aufgewertet werden. Ein ähnliches Phänomen erleben wir bei der Aufwertung von Frisuren oder von anderen äußerlichen Merkmalen wie bspw. Dreadlocks zu kollektiven Identitätsträgern und entsprechende Debatten um kulturelle Aneignung.
Das Extreme zieht an, denn das Extreme ist einfach. Das Extreme bietet halt, wo das liberale zu viel Freiraum gibt. Doch wo extreme Ansichten aufeinander treffen, dort beginnt der Kampf der Wahrheiten. Dort beginnt die Spaltung der Gesellschaft in Polaritäten, die ohne eine moderate Mitte immer weiter auseinander gehen. Wie jedoch kann die weitere Spaltung der Gesellschaft verhindert werden? Der Schlüssel hierzu liegt in einem Bildungs- und Schulwesen, welches klare Grundwerte und eine berufliche Orientierung vermittelt. Damit ist auch verbunden, dass klare Sanktionen gegenüber Eltern erhoben werden können, deren Kinder sich nicht an diese Grundwerte und Regeln halten. Was zudem aktuell im Schulsystem fehlt, das ist ein Raum für die Erkundung der individuellen Interessen und Fähigkeiten sowie damit verbunden die Möglichkeit eine berufliche Orientierung bereits während der Schulzeit zu finden. Anstatt Gedichtsinterpretationen zu erlernen und Polynome mathematisch zu erkunden, sollte Bildung das bedeuten wofür der Begriff steht: Ein Formen und Reifen der Persönlichkeit und ein Erkunden und Entdecken der eigenen Identität. Dies gelingt nicht über das hemmungslose Verabreichen von Wissen an junge Menschen, sondern über einen Raum, indem individuelle Bildung möglich wird. Für diesen Raum hat der Staat eine besondere Verantwortung zu tragen, da dieser über die Ausgestaltung des Bildungssystems maßgeblich zur Identitätsbildung der Gesellschaft beiträgt. Gestaltungsmöglichkeiten können in einem stärkeren Sanktionsspielraum von Schulen gegenüber Eltern ebenso liegen wie in einer Reformierung der Lehrinhalte und Lehrformen. Die Verantwortung des Staates in diesem Gestaltungsfeld wiegt umso schwerer je liberaler eine Gesellschaft aufgestellt ist. Dementsprechend sollten wir der gleichsamen Forderung an das politische Regiment nicht nachgeben. Schließlich steht nichts geringeres als unsere gesellschaftliche Zukunft auf dem Spiel.