Das Recht auf Diskriminierung

Wir sind frei. Hier kann jeder sagen und meinen, was er will. Wir sind so offen, divers und tolerant wie nie zuvor. Könnte man meinen. Könnten man glauben wollen. Und mit jenem Glauben an die Toleranz erlangt die Toleranz selber den Status einer gesellschaftlichen Norm. Intoleranz und Diskrimimierung, das sind die Feindbilder unserer Gesellschaft. Das sind Werte, von denen wir uns schon längst verabschiedet haben. Könnte man meinen. Könnte man glauben wollen. Und mit jenem Glauben obliegt uns das Recht des Stärkeren, der Fortschritt fördert, anstatt an antiquierten Idealvorstellungen festzuhalten. So erhalten wir das Recht, all jene zu maßregeln, die anderen mit Intoleranz und Diskriminierung begegnen. So erhält die Cancel Culture ihr Fundament: Für Toleranz müssen wir all jenen Intoleranten und Diskriminierenden den Kampf ansagen.
 
Doch wird dadurch wirklich die Toleranz gelebt, die von der Cancel Culture gepredigt wird? Werfen wir einen Blick auf die vermeintlichen Übeltäter. Eines der prominentesten Beispiele: Luke Mockridge. „Es gibt Menschen ohne Beine und Arme, die wirft man in ein Becken – und wer als Letzter ertrinkt, der hat halt gewonnen“, sagte der Comedian in einem Podcast, womit er sich über die Paralympics 2024 in Paris lustig machen wollte. Die Reaktion hierauf war eindeutig: Ein riesiger Shitstorm auf Social Media und zahlreiche Bekenntnisse von Personen des öffentlichen Lebens (sogenannte Promis), die sich von Luke Mockridge nicht nur in der inhaltlichen Sache, sondern vor allem von ihm als Mensch distanzierten. Doch damit nicht genug. Wer sich über Meschen mit einer Behinderung lustig macht, der gehört bestraft, denn er tritt damit unsere Werte mit Füßen. Und welche Werte genau? Ja, richtig, wir dürfen uns nicht über Minderheiten lustig machen, denn die haben es schwer genug. Und was soll das für ein Wert sein? Ja, richtig, es muss kein Wert sein. Die Norm, gegen die verstoßen wurde, lautet schließlich: Minderheiten dürfen auf keinem Fall diskriminert oder beleidigt werden. Man darf sich über Minderheiten auch nicht lustig machen. Steht das nicht sogar im Grundgesetz? Braucht es nicht. Schließlich steht die Cancel Culture-Bewegung für eine eigene Rechtssprechung. Eine Rechtssprechung, welche die gesellschaftliche Norm wiederspiegelt anstatt auf abstrakte Rechtskonstrukte Wert zu legen, die größtenteils in einer anderen Zeit und einer anderen Gesellschaft entwickelt wurden. Aber ist das dann nicht Selbstjustiz?
An dieser Stelle könnte man von Selbstjustiz sprechen, wenn sich die diskriminierte Person am Täter rächt. Was wir mit der Cancel Culture erleben, ist jedoch kein Rächen durch das Opfer. Vielmehr übernimmt die Cancel Culture die Vormundschaft für das Opfer und sorgt für eine eigene Urteilssprechung und Bestrafung. Im Falle Luke Mockridges ist dies nichts weniger als die Absage von Auftritten seitens der Veranstalter, der Verlust von Medienpartnern und damit verbunden der Verlust der Existenzgrundlage.
 
Was übrig bleibt in Zeiten der Cancel Culture, das ist ein dauerhaft verfolgendes „Ja, aber“. Ist vielleicht lustig, aber den Witz kann man so nicht bringen. Nicht zu gendern würde die Kommunikation vereinfachen, aber mit dem generischen Maskulinum würden wir Frauen unterdrücken. Männer in Frauenkleidung und Frauen in Männerkleidung zu sehen ist irgendwie komisch, aber das offen anzusprechen würde diese Menschen unterdrücken. Die Flüchtlinge, die sich um 22 Uhr am Bahnhof herumtreiben, zu verdächtigen hat vielleicht seine Berechtigung, aber ohne konkreten Beleg krimineller Handlungen wäre das ja Rassismus. Die AfD zu wählen fühlt sich richtig an, weil die Partei am ehesten meine eigenen Interessen vertritt, aber die sind ja rechts. Den Bewerber mit Migrationshintergrund nicht einzustellen, weil ich mit anderen Personen aus demselben Kulturkreis bereits schlechte Erfahrungen gemacht habe, wäre berechtigt, aber dann würde ich diesen Bewerber doch diskriminieren. Dem schmierigen Verkäufer an der Haustür vertraue ich nicht, aber ohne konkreten Verdacht würde ich doch auf Basis von Vorurteilen handeln.
Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden: Wollen wir ein „Ja, aber“ zu dem Leitbild unserer Gesellschaft machen oder sind wir bereit, uns ein Recht auf Diskriminierung zuzugestehen? Ein Recht, das all jene vor den treu ergebenen Soldaten der Gerechtigkeit schützt. Ein Recht, das all jene schützt, die von einer Verurteilung jenseits des Rechtsapparates bedroht werden. Ein Recht, das uns die Freiheit zugesteht, zum eigenen Wohle andere zu benachteiligen.